Die magische Villa Fogazzaro Roi in Oria

Wer am Ufer des tiefblauen Ceresio (dem Luganer See) entlangfährt, ahnt oft nicht, welche literarischen Schätze sich in den kleinen, verschlafenen Steindörfern der Valsolda verbergen. Eines dieser Juwelen ist Oria, ein winziger Ort direkt an der italienisch-schweizerischen Grenze. Hier schmiegt sich ein Haus an den Fels, das wie kaum ein anderes die Seele der italienischen Spätromantik atmet: die Villa Fogazzaro Roi.

An diesem verwunschenen Ort verbrachte der große italienische Schriftsteller Antonio Fogazzaro (1842–1911) weite Teile seines Lebens. Die Villa war für ihn kein bloßer Rückzugsort, sondern die intimste Quelle seiner Inspiration.

Der Schriftsteller und sein Zufluchtsort am See

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Antonio Fogazzaro, einer der bedeutendsten Vertreter des italienischen Realismus (Verismo) und der späten Romantik, wuchs in Vicenza auf, verlor sein Herz jedoch schon früh an die wilde, melancholische Schönheit des Luganersees. Die Villa in Oria stammte mütterlicherseits aus dem Besitz seiner Familie.

Hier, im sanften Plätschern des Wassers und im Schatten der steilen Berghänge, fand Fogazzaro die Ruhe, um seine tiefgründigen Romane zu verfassen. Seine Werke sind geprägt vom inneren Konflikt zwischen religiösem Glauben und wissenschaftlichem Fortschritt (er war ein früher Anhänger der Evolutionstheorie Darwins in Italien), sowie von leidenschaftlicher, oft unerreichbarer Liebe.

Dieses tiefe Gefühl der Sehnsucht spürt man bis heute, wenn man auf den schmalen Terrassen der Villa steht und den Blick über den glitzernden See schweifen lässt:

Weit weg vom Trubel der Welt lässt sich hier die Seele baumeln:


Das Meisterwerk: „Piccolo mondo antico“


Es ist unmöglich, die Villa Fogazzaro Roi zu besuchen, ohne an sein berühmtestes Werk zu denken: „Piccolo mondo antico“ (dt. Kleine altmodische Welt), veröffentlicht im Jahr 1895. Der Roman spielt vor dem Hintergrund des italienischen Risorgimento (den Unabhängigkeitskriegen gegen Österreich) genau hier, in den engen Gassen von Oria und in den Zimmern dieser Villa.


Die Figuren des Buches erwachen beim Rundgang förmlich zum Leben. Es ist, als hätte Franco Maironi, der sensible und tiefgläubige Protagonist des Romans, gerade erst das Zimmer verlassen.


Ein Rundgang durch ein lebendiges Museum


Dass die Villa heute in diesem makellosen, bewohnten Zustand besichtigt werden kann, verdanken wir dem Urenkel des Dichters, dem Marquis Giuseppe Roi. Er bewahrte das Erbe seines Urgroßvaters mit unendlicher Liebe zum Detail und vermachte das Haus schließlich dem FAI (Fondo Ambiente Italiano), der die Villa heute als lebendiges Museum führt.

Schon beim Betreten des Hauses umfängt einen der Duft von altem Holz, Wachs und getrockneten Blumen. Jedes Zimmer erzählt eine eigene Geschichte.

Der Duft von Zitronen und alte Handschriften


Der Rundgang beginnt oft im intimen Innenhof der Villa, wo ein prächtiger Zitronenbaum im Terrakottatopf gedeiht und die Guides des FAI die Besucher mit Anekdoten und originalen Notizen des Autors in die Vergangenheit entführen.


Das Musikzimmer und der Salon


Das Herzstück des Hauses ist das Musikzimmer. Hier steht noch immer das originale Tafelklavier, auf dem einst gespielt wurde, umgeben von vergilbten Notenblättern, alten Familienfotografien und den Kerzenständern, die abends ein warmes Licht auf die Tasten warfen.


Die Wohnräume sind mit edlen, dunklen Holzmöbeln ausgestattet, deren Schränke mit kunstvollen, gemusterten Stoffbespannungen versehen sind – ein typisches Zeugnis des bürgerlichen Geschmacks des späten 19. Jahrhunderts.


Die privaten Gemächer

Im Schlafzimmer des Dichters fühlt man sich vollends als Gast einer längst vergangenen Epoche. Das filigrane Bett mit seiner floralen Decke und die religiösen Bilder an den Wänden zeugen von Fogazzaros tiefer, oft von Zweifeln geplagter Spiritualität.


Ein Ort zum Verweilen


Nachdem man durch die geschichtsträchtigen Räume gewandelt ist, zieht es jeden Besucher unweigerlich nach draußen. Die hängenden Gärten und kleinen Balkone der Villa bieten intime Rückzugsorte, die perfekt geeignet sind, um in einem der Romane Fogazzaros zu blättern oder einfach den sanften Wind zu spüren, der vom See heraufweht.


Die Villa Fogazzaro Roi ist ein Ort, an dem die Zeit im Jahr 1900 stehen geblieben zu sein scheint – getragen vom sanften Rauschen des Sees, dem Duft der Valsolda und dem unvergänglichen Geist eines großen Literaten. Wer den Luganer See von seiner romantischsten und stillsten Seite kennenlernen möchte, für den ist dieser magische Ort in Oria ein absolutes Muss.

zur Website der Villa Fogazzaro

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