Für einen der bedeutendsten Lyriker der Moderne war das Leben eine einzige, unaufhörliche Reise. Rainer Maria Rilke (1875–1926) hatte kein festes Zuhause, sondern nur temporäre Quartiere.
Der Prototyp des reisenden Geistes war Rilke. Denn sein Schaffen war untrennbar mit den Orten verbunden, an denen er verweilte. Wer seine Werke wirklich nachempfinden oder gar erleben möchte, muss ihm folgen: von den urbanen Zentren Europas bis zu seinem letzten, unscheinbaren Rückzugsort im Schweizer Wallis.
Europa als Werkstatt der Poesie
Rilkes biografische Landkarte stellt ein faszinierendes Gewebe aus Metropolen dar, deren Spuren sich in seinem Werk niederschlugen. Der in Prag geborene Dichter durchstreifte Europa auf der Suche nach Inspiration und innerer Einkehr. Wien und Berlin dienten ihm als akademische und literarische Stationen seiner frühen Jahre.
Paris wurde zu seiner Schule der Moderne. Als Sekretär von Auguste Rodin und Verfasser der «Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge» lernte er die Großstadt in ihrer Schönheit und ihrem Schrecken kennen. Paris inspirierte seine tiefgründige Auseinandersetzung mit der Existenz, der Urbanisierung, der Einsamkeit und dem Tod.
Das Leben dieses ewigen Wanderers hat der Sender Arte eindrucksvoll dokumentiert. Um sich auf die Spuren Rilkes zu begeben, bietet diese Dokumentation eine hervorragende erste Orientierung:
Die Stille des Wallis: Das Wunder von Muzot
In der Abgeschiedenheit des Kanton Wallis fand Rilke nach Jahren des unsteten Wanderns seinen letzten und produktivsten Zuflucht. Ab 1921 lebte er im Château de Muzot bei Sierre. Die Schweizer Bergwelt vermöchte ihm jene Klarheit und Ruhe zu vermitteln, die er zur Vollendung seiner letzten gewichtigen Schöpfungen benötigte.
Hier gelang ihm innerhalb weniger Wochen der berühmte «schöpferische Fluss», die Fertigstellung der «Duineser Elegien» und der «Sonette an Orpheus» – sein letztes großes Werk. Sein Leben endete am 29. Dezember 1926 an den Folgen von Leukämie in einem Sanatorium bei Montreux amGenfersee.
Die letzte Ruhestätte: Raron als Geheimtipp
Rilkes Wunsch war es, in der Nähe seines letzten Wohnortes beigesetzt zu werden. So fand er seine letzte Ruhe auf dem Bergfriedhof im kleinen Dorf Raron im Wallis. Hoch über dem Tal, neben der Burgkirche St. Romanus, liegt sein schlichtes Grab. Es ist ein Andenken an seine Elegien, die er im Wallis zügig niedergeschrieben hatte.
Auch seine Gedichtszeilen „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“ setzen sich in einer musikalischen Vertonung frei, die auch ich hinsichtlich einer Auseinandersetzung mit Lebensfragen wiedergab. Dieses Lied habe ich während meines Besuchs in Raron an Rilkes Grab singen dürfen:
Tatsächlich hat sich Raron auch mir gegenüber als Geheimtipp ergeben und als wundervoller Ort, um die meditative Stimmung von Rilkes späten Werken einzufangen. Der Grabstein trägt den selbst verfassten, weltberühmten Grabspruch, den wohl jeder Besucher andächtig liest:
Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.
An einem sonnigen Tag habe ich das Wallis besucht und ein paar Eindrücke mitgenommen. Die wunderbare Landschaft und Gespräche über den Dichter sind sehr bereichernd.




















Rainer Maria Rilkes Spurensuche findet sich auch in den grossen Metropolen. Noch heute werden dort seine Gedanken und Werke zitiert. Aber das unscheinbare Dorf Raron im Wallis ist ein Ankerplatz für die Gedanken. Öfters als gedacht, lohnt es sich, jene kleine Orte zu entdecken, die mit Poeten in Verbindung stehen.
Für wahr eröffnet solches Reisen literarische Erfahrungen!

