Unterwegs bei Zürich liest

Das Festival «Zürich liest» macht die gesamte Stadt zur Bühne für Literatur: Über 90 Veranstalter gestalten an unzähligen Orten ein vielfältiges Programm rund ums Buch. Wer sich durch das handliche Programmheft blättert, entdeckt Inspirationen für literarische Entdeckungsreisen quer durch Zürich. Das lebendige Festivalzentrum befindet sich im Begegnungszentrum Karl der Grosse, das während der Festivalwoche als zentraler Treffpunkt dient.

Ich habe dieses Jahr zwei ganz unterschiedliche Anlässe besucht, die beeindruckende Einblicke sowohl in die moderne Buchproduktion als auch in das Schaffen eines historischen Zürcher Schriftstellers boten.

Blick hinter die Kulissen


Mein erster Weg führte mich zum renommierten Rotpunktverlag. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gaben vor Ort einen faszinierenden Einblick in die Welt der Buchherstellung und stellten die Vision des Verlags vor. Das Programm ruht auf drei starken Säulen:

  • Sachbücher, die gesellschaftsrelevante Themen vertiefen,
  • Belletristik & Lyrik, unter anderen auch das Buch von Christoph Keller
  • die bekannten Wanderbücher, die Natur- und Kulturreisen verbinden.

Anhand anschaulicher Beispiele verdeutlichte das Team den enormen Aufwand und das Herzblut, die in jedem einzelnen Buchprojekt stecken – von der ersten Idee über das Lektorat bis hin zum fertigen Druckwerk.

Ein Highlight des Besuchs war die Lesung des Autors Christoph Keller aus seinem Werk «Nennt mich Wellenkamm» (bzw. «Nenne mich Wellenbrecher»). Das Buch entwirft eine Dystopie, die trotz düsterer Grundprämisse mit einem hoffnungsvollen Ausklang überrascht: Dank der Protagonistin K werden vergangene Umweltsünden wiedergutgemacht, was der Menschheit den Weg in ein besseres und nachhaltigeres Leben ebnet.

Würdigung von Albert Ehrismann


Der zweite Anlass fand in den Räumlichkeiten von Orell Füssli statt und war dem Zürcher Schriftsteller Albert Ehrismann gewidmet.

Der Herausgeber eines aktuellen Gedichtbands über Albert Ehrismann berichtete eindrücklich von seinen umfangreichen Recherchen und den Kriterien für die Textauswahl. Begleitet wurde der Vortrag von einem Schauspieler, der ausgewählte Gedichte Ehrismanns mit viel Feingefühl vortrug.

Im Zentrum der Lesung stand die vielschichtige Persönlichkeit des Schriftstellers: Albert Ehrismann verstand sich zwar als Pazifist, trat aber dennoch konsequent für die geistige und militärische Landesverteidigung ein – mehr als Antifaschist als reiner Pazifist. So wirkte er unter anderem anlässlich der Landesausstellung 1939 (Landi 39) am bedeutenden Theaterstück «Der neue Kolumbus» mit. In seinen späteren Schaffensjahren wandte er sich verstärkt den drängenden Themen des Kalten Krieges sowie der beginnenden Umweltzerstörung zu.

Fazit

Die beiden Veranstaltungen haben gezeigt, was «Zürich liest» so besonders macht: Es ist die gelungene Mischung aus persönlichem Handwerk im Verlagswesen, zeitgenössischen Zukunftsvisionen von Christoph Keller und der Wiederentdeckung bedeutender regionaler Literaturgeschichte rund um Albert Ehrismann. Ein rundum gelungenes Festival-Erlebnis!

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